Medizinisches Glossar

Periphere Neuropathie — Nervenschädigung als Nebenwirkung

Die periphere Neuropathie ist ein Krankheitsbild, bei dem die peripheren Nerven geschädigt sind, welche das Gehirn und das Rückenmark mit den übrigen Bereichen des Körpers verbinden. In der Onkologie tritt sie vor allem als dosisabhängige Nebenwirkung bestimmter Chemotherapeutika oder zielgerichteter Therapien auf, seltener auch durch den direkten Druck eines Tumors auf Nervenbahnen.

3 Min. LesezeitZuletzt geprüft 1. August 2026Medizinisch geprüft von: GetOnco Medical Review Team

Einfach erklärt

Ihr peripheres Nervensystem lässt sich mit einem weit verzweigten Stromnetz vergleichen, das elektrische Signale zwischen dem zentralen Nervensystem und den Armen und Beinen transportiert. Bestimmte Krebsmedikamente können diese feinen Nervenfasern reizen oder schädigen. Werden sie in Mitleidenschaft gezogen, leiten sie Impulse fehlerhaft oder gar nicht mehr weiter. Das führt zu unangenehmen Empfindungen in Fingern, Händen, Zehen und Füßen – oft beschrieben als Taubheit, Kribbeln, Brennen oder plötzlich einschießende Schmerzen. Auch feinmotorische Tätigkeiten, wie das Schließen kleiner Knöpfe oder das Schreiben, können sich dadurch ungewohnt unsicher und ungeschickt anfühlen.

Das Wichtigste

  • Häufige Nebenwirkung von Platinpräparaten, Taxanen und Vinca-Alkaloiden.
  • Beginnt typischerweise symmetrisch an den Zehen und Fingerspitzen und wandert allmählich aufwärts.
  • Das frühzeitige Melden von Symptomen ist entscheidend, um dauerhafte Nervenschäden zu verhüten.
  • Duloxetine verfügt derzeit über die beste wissenschaftliche Evidenz zur Linderung schmerzhafter Nervenbeschwerden.

Definition

Eine chemotherapieinduzierte periphere Neuropathie (CIPN) entsteht, wenn neurotoxische Krebsmedikamente den axonalen Transport stören, Mikrotubuli beschädigen oder die Funktion der Mitochondrien in sensiblen und motorischen Nervenzellen beeinträchtigen. Sensible Nervenfasern sind aufgrund ihres hohen Stoffwechselbedarfs und des Fehlens einer dichten Blut-Nerven-Schranke besonders empfindlich.

Betroffene bemerken typischerweise symmetrische, an den äußeren Gliedmaßen beginnende Missempfindungen, die sich charakteristischerweise wie „Handschuhe und Strümpfe“ über Hände und Füße ausbreiten. Zu den Beschwerden gehören Parästhesien (Kribbeln, „Ameisenlaufen“), Taubheitsgefühle, brennende Schmerzen (Dysästhesien), verändertes Kälte- und Wärmeempfinden, Schmerzempfindlichkeit bei Berührung (Allodynie) sowie seltener Muskelschwäche oder abgeschwächte Sehnenreflexe.

Warum es wichtig ist

Das frühzeitige Erkennen einer peripheren Neuropathie ist von großer Bedeutung, da unbehandelte oder schwere Nervenschäden dauerhaft bestehen bleiben können. Dies beeinträchtigt das Gleichgewicht, erhöht die Sturzgefahr und schränkt die Lebensqualität spürbar ein. Da es nur begrenzte Möglichkeiten gibt, bereits entstandene strukturelle Nervenschäden rückgängig zu machen, achtet das Behandlungsteam sehr genau auf frühe Warnzeichen. So können Chemotherapiedosen rechtzeitig angepasst, Therapieabstände verlängert oder Wirkstoffe gewechselt werden, bevor aus einer vorübergehenden Reizung eine bleibende Beeinträchtigung wird.

Verwandte Biomarker und Tests

Eine Neuropathie lässt sich nicht über einfache Blutwerte feststellen. Die Diagnose erfolgt im Rahmen einer gezielten neurologischen Untersuchung, bei der das Berührungsempfinden (Monofilament-Test), die Schmerzwahrnehmung (Nadelreiz), das Vibrationsempfinden (Stimmgabel), die Muskeleigenreflexe und das Gangbild überprüft werden. Standardisierte Schweregrad-Skalen, etwa die NCI Common Terminology Criteria for Adverse Events (CTCAE), helfen bei der Einstufung. Weiterführende Untersuchungen wie die Nervenleitgeschwindigkeitsmessung (NLG) oder die Elektromyographie (EMG) bleiben unklaren oder untypischen Fällen vorbehalten.

Verwandte Krebsarten

Eine CIPN tritt besonders häufig bei Krebserkrankungen auf, die mit potenziell nervenschädigenden Substanzen behandelt werden: beim kolorektalen Karzinom (unter oxaliplatin-basierten Therapien), bei Brust- und Eierstockkrebs (unter Taxanen wie paclitaxel und docetaxel), bei Lungenkrebs (unter Platinverbindungen und Taxanen) sowie beim multiplen Myelom (unter Proteasom-Inhibitoren wie bortezomib oder immunmodulierenden Substanzen wie thalidomide).

Verwandte Behandlungen

Treten mäßige bis schwere Nervenbeschwerden auf, ist es häufig erforderlich, die Dosis der Chemotherapie zu verringern, Behandlungen vorübergehend aufzuschieben oder das auslösende Medikament ganz abzusetzen, um dauerhafte Schäden zu verhindern. Zur Linderung neuropathischer Schmerzen werden Medikamente wie duloxetine, gabapentin oder pregabalin eingesetzt. Ergänzend kommen nicht-medikamentöse Verfahren wie Ergotherapie, Physiotherapie und gezielte Kälteanwendungen (Kryotherapie) an Händen und Füßen während der Infusionen zum Einsatz.

Häufige Fragen

Verschwindet die periphere Neuropathie nach Abschluss der Krebstherapie wieder?

Bei vielen Menschen bessern sich die Beschwerden in den Monaten nach Therapieende allmählich oder klingen innerhalb eines Jahres vollständig ab. Bei einigen Patientinnen und Patienten – insbesondere nach hohen Gesamtdosen der Medikamente – können jedoch gewisse Taubheitsgefühle oder ein Kribbeln dauerhaft bestehen bleiben.

Was sollte ich tun, wenn ich ein Kribbeln in den Fingern oder Zehen bemerke?

Informieren Sie Ihr Behandlungsteam bitte unverzüglich und warten Sie nicht bis zum nächsten regulären Infusionstermin. Eine frühe Rückmeldung gibt den Ärztinnen und Ärzten die Möglichkeit, die Dosierung rasch anzupassen, um Ihre Nerven vor dauerhaften Schäden zu schützen und die Krebsbehandlung dennoch erfolgreich fortzusetzen.

Kann man einer Neuropathie während der Chemotherapie-Infusion vorbeugen?

Einige Zentren setzen während der Infusion von Taxanen auf Kältehandschuhe und -socken (Kryotherapie) oder enge Kompressionshandschuhe. Die Kälte verengt die Blutgefäße in den Händen und Füßen vorübergehend, wodurch weniger vom Wirkstoff in die empfindlichen Nervenendigungen gelangt, was das Ausmaß der Nervenschädigung verringern kann.

Quellen

  1. 1.NCI: Nervenprobleme (periphere Neuropathie) und KrebsNational Cancer Institute
  2. 2.Prävention und Behandlung der chemotherapieinduzierten peripheren NeuropathieAmerican Society of Clinical Oncology
  3. 3.Klinische ESMO-Praxisleitlinie zum Management der CIPNEuropean Society for Medical Oncology
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