Einfach erklärt
Die chemotherapieinduzierte periphere Neuropathie (CIPN) bezeichnet eine Reizung oder Schädigung der Nerven, die durch bestimmte Krebsmedikamente hervorgerufen wird. Betroffene verspüren dies meist als Kribbeln („Ameisenlaufen“), Brennen, Taubheit oder eine gesteigerte Berührungsempfindlichkeit in den Fingern und Zehen. Einfache alltägliche Handgriffe wie das Schließen kleiner Knöpfe, Schreiben auf der Tastatur oder sicheres Gehen können dadurch erschwert sein. Es ist sehr wichtig, diese Empfindungen Ihrem Behandlungsteam frühzeitig mitzuteilen, da eine rechtzeitige Anpassung der Therapie der verlässlichste Weg ist, um eine Verschlimmerung oder dauerhafte Nervenschäden zu vermeiden.
Das Wichtigste
- Wird durch strukturelle oder metabolische Schäden an peripheren sensiblen Nervenfasern verursacht.
- Beginnt typischerweise symmetrisch an den Zehen und Fingern und breitet sich aufwärts aus.
- Eine frühzeitige Rückmeldung ermöglicht Dosisanpassungen zum Schutz der Nervenfunktion.
- Duloxetine wird in klinischen Leitlinien zur Linderung neuropathischer Schmerzen empfohlen.
Definition
Unter einer chemotherapieinduzierten peripheren Neuropathie versteht man die toxische Schädigung des peripheren Nervensystems durch bestimmte Krebsmedikamente. Neurotoxische Substanzen stören die zellulären Transportwege, schädigen die Mikrotubuli in den Nervenfortsätzen (Axonen) oder lösen oxidativen Stress in den Mitochondrien sensibler Nervenfasern aus. Dieser Prozess betrifft typischerweise zuerst die längsten Nervenfasern des Körpers, was zu einem charakteristischen, symmetrischen Verteilungsmuster an Händen und Füßen führt („Handschuh- und Strumpfmuster“).
Obwohl vor allem sensorische Nerven betroffen sind, können auch motorische und vegetative Nervenfasern Schaden nehmen. Betroffene bemerken mitunter ein vermindertes Temperaturempfinden, Störungen der Tiefensensibilität, abgeschwächte Sehnenreflexe oder Ungeschicklichkeit bei feinmotorischen Bewegungen. Häufig stabilisieren sich die Beschwerden nach Therapieende oder bilden sich zurück; da die Regeneration von Nervengewebe jedoch langsam verläuft, bleiben bei einigen Patientinnen und Patienten spürbare sensorische Defizite dauerhaft bestehen.
Warum es wichtig ist
Das frühzeitige Erkennen einer CIPN ist wesentlich für Ihre Sicherheit während der Behandlung und für Ihre Selbstständigkeit im Alltag. Da es nur begrenzte Möglichkeiten gibt, bereits bestehende chronische Nervenschäden rückgängig zu machen, sind Onkologinnen und Onkologen auf Ihre Rückmeldungen angewiesen: Nur so können Dosen angepasst, Infusionen verschoben oder Medikamente gewechselt werden, bevor bleibende Schäden entstehen. Eine CIPN erhöht zudem das Sturzrisiko und schränkt praktische Fähigkeiten ein, weshalb eine offene Kommunikation, Anpassungen im häuslichen Umfeld und unterstützende Maßnahmen zentrale Bestandteile einer vorausschauenden Krebsbetreuung sind.
Verwandte Biomarker und Tests
Die Diagnose einer CIPN erfolgt primär durch eine klinisch-neurologische Untersuchung, bei der das Schmerzempfinden (z. B. per Nadelstichtest), das Vibrationsempfinden mittels Stimmgabel und die Muskeleigenreflexe geprüft werden. Standardisierte Fragebögen zur Erfassung von Symptomen durch die Patientinnen und Patienten gehören in vielen Kliniken zur Routine. Nervenleitgeschwindigkeitsmessungen und eine Elektromyographie werden gelegentlich bei unklaren Verläufen herangezogen, um das Ausmaß des axonalen Schadens zu bestimmen oder andere Ursachen wie eine diabetische Neuropathie abzugrenzen.
Verwandte Krebsarten
Eine CIPN tritt bei vielen Tumorerkrankungen auf, die mit neurotoxischen Substanzklassen behandelt werden. Hierzu zählen Taxane bei Brust-, Lungen- und Prostatakrebs, Platinverbindungen bei Darm-, Eierstock- und Hodenkrebs, Vinca-Alkaloide bei Lymphomen und Leukämien sowie Proteasom-Inhibitoren wie bortezomib, die häufig in der Therapie des multiplen Myeloms eingesetzt werden.
Verwandte Behandlungen
Die wichtigste medizinische Maßnahme bei einer beginnenden oder sich verschlimmernden CIPN besteht in einer Dosisreduktion, einer Behandlungspause oder dem Wechsel auf ein nicht neurotoxisches Ausweichpräparat. Zur Linderung neuropathischer Schmerzen wird in Leitlinien der Einsatz von duloxetine als evidenzbasierte medikamentöse Option empfohlen. Zu den nichtmedikamentösen Ansätzen gehören Physiotherapie, Ergotherapie, Gleichgewichtstraining sowie eine vorbeugende Kältetherapie (Kryotherapie) der Hände und Füße während der Infusion, um die Aufnahme des Medikaments in den Extremitäten zu verringern.
Häufige Fragen
Bildet sich eine chemotherapiebedingte Neuropathie wieder zurück?
Bei vielen Betroffenen bessern sich die Beschwerden in den Monaten nach Abschluss der Chemotherapie allmählich, da sich die Nervenfasern langsam regenerieren können. Die vollständige Erholung hängt jedoch vom eingesetzten Wirkstoff, der Gesamtdosis und der individuellen Nervengesundheit vor der Therapie ab. Bei manchen Menschen können leichte bis mäßige Taubheitsgefühle oder Kribbeln als chronische Begleiterscheinung bestehen bleiben.
Was sollte ich tun, wenn ich während meines Behandlungszyklus ein Kribbeln bemerke?
Informieren Sie Ihr Behandlungsteam unverzüglich und noch vor der nächsten geplanten Dosis. Warten Sie keinesfalls ab, bis die Beschwerden stärker werden. Ihre Onkologin oder Ihr Onkologist kann Ihr Empfindungsvermögen untersuchen und entscheiden, ob eine Dosisanpassung, ein Hinauszögern der nächsten Gabe oder unterstützende Maßnahmen erforderlich sind, um Ihre Nerven vor weiterem Schaden zu schützen.
Kann ich Nervenschäden durch Kältepackungen während der Chemotherapie vorbeugen?
Die Kältetherapie (Kryotherapie), bei der während der Infusion bestimmter Medikamente wie Taxanen gekühlte Handschuhe oder Socken getragen werden, führt zu einer lokalen Verengung der Blutgefäße. Dadurch gelangt weniger Wirkstoff an die peripheren Nervenenden. Es gibt klinische Hinweise auf den Nutzen dieses Verfahrens; besprechen Sie jedoch vorab mit Ihrem Behandlungsteam, ob eine Kryotherapie in Ihrem Fall sicher und sinnvoll ist.
Quellen
- 1.Nervenprobleme (periphere Neuropathie) und Krebs— National Cancer Institute
- 2.Prävention und Behandlung der CIPN bei erwachsenen Krebspatienten— American Society of Clinical Oncology
- 3.Behandlung der Neuropathie bei Krebspatienten: ESMO-Leitlinie für die klinische Praxis— European Society for Medical Oncology

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Zuletzt geprüft 1. August 2026
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