Medizinisches Glossar

Epidermaler Wachstumsfaktor-Rezeptor — Protein für Zellwachstum

Der epidermale Wachstumsfaktor-Rezeptor (EGFR), auch bekannt als HER1 oder ErbB1, ist ein Transmembranprotein, das die äußere Hülle von Zellen durchspannt. Er fungiert als entscheidender Kommunikationskanal, der biochemische Botschaften von der Zellumgebung in das Zellinnere weiterleitet, um das gesunde Zellwachstum, die Zellteilung und das Überleben der Zelle zu steuern.

4 Min. LesezeitZuletzt geprüft 1. August 2026Medizinisch geprüft von: GetOnco Medical Review Team

Einfach erklärt

Stellen Sie sich vor, Ihre Zellen hätten an ihrer Außenwand winzige Schalter, die bestimmen, ob eine Zelle wachsen oder im Ruhezustand bleiben soll. Der epidermale Wachstumsfaktor-Rezeptor (EGFR) ist genau solch ein wichtiger Schalter. In gesundem Gewebe schaltet er sich nur ein, wenn ein passender molekularer Schlüssel an ihn andockt, sodass sich Zellen nur bei Bedarf vermehren. Bei manchen Krebsarten ist dieser Schalter jedoch durch genetische Fehler dauerhaft in der „Ein“-Position verklemmt. Dadurch gelangen unaufhörlich Teilungsbefehle ins Zellinnere, und es entsteht ein Tumor. Diesen defekten Schalter aufzuspüren, ist ein entscheidender Schritt bei der Auswahl zielgerichteter Medikamente.

Das Wichtigste

  • EGFR ist ein Rezeptorprotein, das die gesunde Zellteilung und die Geweberegeneration mitsteuert.
  • Mutationen oder zusätzliche Kopien des EGFR-Gens führen zu dauerhaften, unkontrollierten Wachstumssignalen im Tumor.
  • Molekulare Untersuchungen zeigen, ob ein Tumor aktivierende Mutationen oder eine Proteinüberexpression aufweist.
  • Gegen EGFR gerichtete Therapien umfassen orale niedermolekulare Hemmstoffe und intravenöse monoklonale Antikörper.

Definition

Der epidermale Wachstumsfaktor-Rezeptor gehört zur ErbB-Familie der Rezeptor-Tyrosinkinasen. Die Proteinstruktur besteht aus drei Hauptdomänen: einer Bindungsdomäne außerhalb der Zelle, einem die Zellmembran durchspannenden Abschnitt und einer im Zellinneren gelegenen Tyrosinkinase-Domäne. Unter normalen Bedingungen binden spezifische Signalstoffe (Liganden) wie der epidermale Wachstumsfaktor (EGF) oder der transformierende Wachstumsfaktor-alpha (TGF-alpha) an den äußeren Teil, woraufhin sich zwei Rezeptoren miteinander verbinden (dimerisieren).

Diese Dimerisierung aktiviert das Enzym Tyrosinkinase im Zellinneren und stößt eine Kaskade nachgeschalteter Signalwege an, darunter RAS-RAF-MEK-ERK und PI3K-AKT-mTOR. Diese Signale veranlassen die Zelle, ihre DNA zu verdoppeln, zu wachsen, dem programmierten Zelltod (Apoptose) zu widerstehen und die Neubildung von Blutgefäßen anzuregen. Treten im EGFR-Gen aktivierende Mutationen auf oder liegt eine Genamplifikation vor, bleibt dieser Signalweg ununterbrochen eingeschaltet. Dadurch teilen sich die Zellen ungebremst, was maßgeblich zur Entstehung und zum Fortschreiten bösartiger Tumoren beiträgt.

Warum es wichtig ist

Der Nachweis von Veränderungen am EGFR-Protein oder dem zugrunde liegenden Gen hat die moderne Krebsdiagnostik und -therapie grundlegend verändert. Anstatt sich ausschließlich auf den Ursprungsort eines Tumors im Körper zu stützen, nutzen Onkologinnen und Onkologen den EGFR-Status, um die molekulare Identität der Erkrankung zu bestimmen. Weist ein Tumor EGFR-Veränderungen auf, können Standardtherapien durch zielgerichtete Medikamente ersetzt oder ergänzt werden, die genau diesen Rezeptor blockieren. Dieser präzisionsonkologische Ansatz ermöglicht häufig eine bessere Tumorkontrolle, ein längeres progressionsfreies Überleben und verursacht oft weniger unspezifische Nebenwirkungen als herkömmliche Behandlungen.

Verwandte Biomarker und Tests

Der EGFR-Status wird an Gewebeproben aus einer Operation oder Biopsie oder mittels zirkulierender Tumor-DNA aus einer Blutprobe (Flüssigbiopsie) analysiert. Mit Polymerase-Kettenreaktionen (PCR) und Next-Generation-Sequencing-Genpanels (NGS) werden spezifische aktivierende Mutationen in den Exons 18 bis 21 des EGFR-Gens nachgewiesen. Die Immunhistochemie (IHC) misst, wie viel EGFR-Protein auf der Oberfläche der Tumorzellen vorhanden ist, während die Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH) zeigen kann, ob die Krebszellen überzählige Kopien des EGFR-Gens besitzen (Genamplifikation).

Verwandte Krebsarten

Eine fehlerhafte EGFR-Signalübertragung ist an der Entstehung verschiedener bedeutender Tumorarten beteiligt. Aktivierende EGFR-Mutationen finden sich besonders häufig beim nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC), vor allem bei Adenokarzinomen bei Nichtrauchern und Frauen. Eine Überexpression oder Amplifikation des normalen EGFR-Proteins tritt regelmäßig bei Plattenepithelkarzinomen des Kopf-Hals-Bereichs sowie beim Kolorektalkarzinom auf. Zudem wird sie beim Glioblastom, einem bösartigen Hirntumor mit einer charakteristischen EGFR-Variante namens EGFRvIII, sowie bei Untergruppen von Bauchspeicheldrüsen- und Speiseröhrenkrebs beobachtet.

Verwandte Behandlungen

Der Nachweis einer EGFR-Veränderung liefert Onkologinnen und Onkologen direkte Anhaltspunkte für die Wahl der systemischen Therapie. Patientinnen und Patienten mit aktivierenden EGFR-Mutationen bei Lungenkrebs werden mit oralen Tyrosinkinase-Inhibitoren (wie Osimertinib) behandelt, die die enzymatische Aktivität des Rezeptors im Zellinneren blockieren. Bei Tumoren, die durch eine EGFR-Überproduktion ohne nachgeschaltete Mutationen angetrieben werden – etwa bei RAS-Wildtyp-Darmkrebs oder Kopf-Hals-Tumoren –, kommen intravenöse monoklonale Antikörper (wie Cetuximab) zum Einsatz, um die Bindungsstelle an der Außenfläche zu blockieren. Durch regelmäßige Kontrollen wird überwacht, ob neue sekundäre Mutationen entstehen, die einen Wechsel des Medikaments erforderlich machen.

Häufige Fragen

Was führt dazu, dass das EGFR-Gen in Krebszellen mutiert?

EGFR-Mutationen bei Krebserkrankungen sind somatisch, das bedeutet, sie werden im Laufe des Lebens in einzelnen Körperzellen erworben und nicht von den Eltern vererbt. Sie stehen in der Regel nicht im Zusammenhang mit klassischen Risikofaktoren wie dem Tabakrauchen; tatsächlich werden EGFR-Mutationen am häufigsten bei Personen mit Lungenkrebs gefunden, die nie oder nur sehr wenig geraucht haben.

Worin liegt der Unterschied zwischen einer EGFR-Mutation und einer EGFR-Überexpression?

Eine EGFR-Mutation ist eine Veränderung im genetischen Bauplan der DNA, die dazu führt, dass der Rezeptor dauerhaft aktiv bleibt – unabhängig von äußeren Signalen. Eine EGFR-Überexpression bedeutet hingegen, dass die Zellen eine ungewöhnlich große Menge normal gebauter (nicht-mutierter) Rezeptorproteine auf ihrer Oberfläche tragen. Beide Mechanismen können das Krebswachstum vorantreiben, sprechen jedoch oft auf unterschiedliche Klassen zielgerichteter Medikamente an.

Kann sich mein EGFR-Status im Verlauf der Behandlung verändern?

Während die ursprüngliche Mutation meist bestehen bleibt, können sich die Krebszellen unter dem Druck der zielgerichteten Behandlung anpassen und sekundäre Resistenzmutationen wie T790M oder C797S entwickeln. Aus diesem Grund veranlassen Onkologinnen und Onkologen bei einem erneuten Tumorwachstum häufig eine erneute Gewebe- oder Blutbiopsie, um das aktuelle molekulare Profil des Tumors neu zu bestimmen.

Quellen

  1. 1.Übersicht zum EGFR-Gen und KrebsNational Cancer Institute
  2. 2.EGFR bei Lungenkrebs verstehenAmerican Society of Clinical Oncology (Cancer.Net)
  3. 3.ESMO-Biomarker-Factsheet: EGFR beim nicht-kleinzelligen LungenkarzinomEuropean Society for Medical Oncology
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