Einfach erklärt
Neutrophile sind spezialisierte weiße Blutkörperchen, die als vorderste Schutzgarde Ihres Immunsystems gegen Bakterien und Pilze fungieren. Viele Chemotherapien drosseln vorübergehend das Knochenmark und verringern diese schützenden Zellen drastisch. Sinkt die Neutrophilenzahl unter einen sicheren Wert, spricht man von Neutropenie. Tritt in dieser verletzlichen Phase Fieber auf, kann sich der Körper nicht normal verteidigen. Selbst alltägliche Keime, die natürlicherweise auf der Haut oder im Darm vorkommen, können rasch in die Blutbahn gelangen. Deshalb wird eine febrile Neutropenie als dringlicher Notfall eingestuft, der einer sofortigen Untersuchung im Krankenhaus bedarf.
Das Wichtigste
- Jedes Fieber unter einer Chemotherapie muss als potenzieller Notfall betrachtet werden.
- Klassische Entzündungszeichen wie Rötung oder Eiterbildung können völlig fehlen.
- Eine empirische intravenöse Antibiotikatherapie sollte so schnell wie möglich begonnen werden.
- Prophylaktisch gegebene Wachstumsfaktoren können das Risiko bei intensiven Chemotherapieprotokollen senken.
Definition
Die febrile Neutropenie ist formal definiert als eine oral gemessene Körpertemperatur von über 38,3 °C (oder eine anhaltende Temperatur von 38,0 °C über mindestens eine Stunde) bei einem Patienten, dessen absolute Neutrophilenzahl (ANC) unter 500 Zellen pro Mikroliter liegt oder voraussichtlich innerhalb von 48 Stunden darunter abfallen wird. Neutrophile Granulozyten sind weiße Blutkörperchen, die für die Abwehr mikrobieller Erreger zuständig sind.
Chemotherapien und andere Krebsmedikamente schädigen die sich rasch teilenden blutbildenden Stammzellen im Knochenmark, was zu einem ausgeprägten, vorübergehenden Rückgang der Neutrophilenproduktion führt. Fehlen ausreichende Neutrophile, können typische Entzündungszeichen wie Eiterbildung, Schwellung oder Rötung vollständig ausbleiben. Fieber ist daher häufig das einzige Warnsignal für eine gefährliche bakterielle Infektion oder Pilzinfektion.
Warum es wichtig ist
Dieses Krankheitsbild erfordert unverzügliches Handeln, da unkontrollierte Infektionen innerhalb weniger Stunden in einen septischen Schock, Multiorganversagen oder zum Tod führen können. Patientinnen und Patienten unter zytostatischer Therapie müssen ihre Körpertemperatur aufmerksam überwachen und sich beim ersten Anzeichen von Fieber sofort beim onkologischen Notdienst melden. Ein schnelles Erkennen ermöglicht die unverzügliche Entnahme von Blutkulturen und den Beginn einer Breitspektrum-Antibiotikatherapie. Das Verhindern oder rasche Beherrschen solcher Episoden beugt zudem längeren Krankenhausaufenthalten und gefährlichen Verzögerungen geplanter Krebstherapien vor, wodurch die Behandlungsergebnisse gesichert werden.
Verwandte Biomarker und Tests
Die Diagnose erfordert eine sofortige labormedizinische Diagnostik parallel zur klinischen Beurteilung. Ein großes Blutbild mit Differenzialblutbild bestätigt die absolute Neutrophilenzahl. Blutproben werden sowohl aus peripheren Venen als auch aus zentralvenösen Zugängen für mikrobiologische Blutkulturen entnommen. Zudem bestimmen die Behandelnden Serumkreatinin, Harnstoff, Leberenzyme und C-reaktives Protein. Röntgenaufnahmen des Thorax, Urinkulturen und Abstriche auf respiratorische Viren werden häufig durchgeführt, um den Infektionsherd zu identifizieren.
Verwandte Krebsarten
Eine febrile Neutropenie tritt am häufigsten bei Betroffenen auf, die eine intensive Chemotherapie wegen hämatologischer Neoplasien wie akuter myeloischer Leukämie, akuter lymphatischer Leukämie oder aggressiver Non-Hodgkin-Lymphome erhalten. Sie kommt zudem regelmäßig bei soliden Tumoren vor, die mit myelosuppressiven Hochdosisprotokollen behandelt werden, etwa bei Brustkrebs, Eierstockkrebs, kleinzelligem Lungenkrebs und Weichteilsarkomen.
Verwandte Behandlungen
Eine febrile Neutropenie erfordert eine unverzügliche empirische Gabe von Breitbandantibiotika über die Vene, die idealerweise innerhalb einer Stunde nach Eintreffen im Krankenhaus begonnen wird. Risikopatienten verbleiben zur kontinuierlichen Überwachung stationär, während ausgewählte Niedrigrisikopatienten auf orale Therapieregime im ambulanten Rahmen umgestellt werden können. Granulozyten-Kolonie-stimulierende Faktoren (G-CSF) können therapeutisch verabreicht oder prophylaktisch in nachfolgenden Chemotherapiezyklen eingesetzt werden, um die Knochenmarkserholung anzuregen und Rückfällen vorzubeugen.
Häufige Fragen
Was sollte ich tun, wenn ich während der Chemotherapie Fieber bekomme?
Messen Sie Ihre Temperatur mit einem genauen digitalen Thermometer. Zeigt es 38,0 °C oder mehr an, wenden Sie sich unverzüglich an Ihre onkologische Notfallnummer oder suchen Sie die nächste Notaufnahme auf. Nehmen Sie vor der Rücksprache mit einem Arzt weder Paracetamol noch Ibuprofen ein, da diese Medikamente das Fieber verschleiern und lebenswichtige Notfallbehandlungen verzögern können.
Kann ich bis zum Morgen warten, wenn das Fieber spät in der Nacht beginnt?
Nein, Sie dürfen keinesfalls warten. Wenn Ihre weißen Blutkörperchen kritisch erniedrigt sind, kann sich eine Infektion innerhalb von Stunden zu einer lebensbedrohlichen Sepsis entwickeln. Medizinische Notfallteams stehen rund um die Uhr bereit, um onkologische Patientinnen und Patienten sofort zu versorgen und lebensrettende intravenöse Antibiotika ohne Zeitverlust zu verabreichen.
Wie kann ich mich vor einer febrilen Neutropenie schützen?
Achten Sie penibel auf Händehygiene, meiden Sie Menschenansammlungen sowie Personen mit Infekten und verzehren Sie nur hygienisch zubereitete, durchgegarte Speisen. Vermeiden Sie den Kontakt mit Haustierkot oder Gartenerde während des Neutrophilen-Tiefpunkts (Nadir) und melden Sie kleinere Schnittwunden, Schüttelfrost oder Entzündungen im Mund sofort Ihrem Behandlungsteam.
Quellen
- 1.Infektionen und Neutropenie während der Krebsbehandlung— National Cancer Institute
- 2.Neutropenie: Niedrige Werte der weißen Blutkörperchen verstehen— American Society of Clinical Oncology (Cancer.Net)
- 3.Management der febrilen Neutropenie: Klinische Praxisleitlinien der ESMO— European Society for Medical Oncology

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Zuletzt geprüft 1. August 2026
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