Medizinisches Glossar

Graft-versus-Host-Erkrankung — Transplantationskomplikation

Die Graft-versus-Host-Erkrankung (Graft-versus-Host Disease, GvHD; Spender-gegen-Empfänger-Reaktion) ist eine immunologische Komplikation, die nach einer allogenen Stammzell- oder Knochenmarktransplantation auftreten kann. Sie entsteht, wenn Immunzellen aus dem Transplantat des Spenders das gesunde Gewebe des Empfängers als fremd erkennen und eine Entzündungsreaktion auslösen, die vor allem Haut, Leber, Darm und andere Organe betreffen kann.

4 Min. LesezeitZuletzt geprüft 1. August 2026Medizinisch geprüft von: GetOnco Medical Review Team

Einfach erklärt

Nach einer Knochenmark- oder Stammzelltransplantation von einem Spender entsteht Ihr neues Immunsystem aus den Spenderzellen. Zu einer Graft-versus-Host-Erkrankung kommt es, wenn diese neuen Spenderzellen Ihre gesunden Organe fälschlicherweise für fremde Eindringlinge halten und sie attackieren. Einerseits kann diese Immunreaktion helfen, verbliebene Krebszellen zu vernichten (ein nützlicher Prozess, der als Graft-versus-Tumor-Effekt bezeichnet wird), andererseits kann sie jedoch belastende Entzündungen hervorrufen. Typische Symptome sind Hautausschläge, Übelkeit, Bauchschmerzen, anhaltender Durchfall, trockene Augen oder veränderte Leberwerte. Ihr Behandlungsteam steuert die Medikamente sehr genau, um diese Reaktion im Gleichgewicht zu halten.

Das Wichtigste

  • Entsteht, wenn Spender-Immunzellen gesundes Gewebe des Empfängers angreifen.
  • Wird je nach Erscheinungsbild und Zeitpunkt in eine akute und eine chronische Form unterteilt.
  • Betrifft häufig Haut, Verdauungstrakt, Leber und Augen.
  • Eine milde Immunreaktion kann dazu beitragen, Rückfälle einer Leukämie zu verhindern.

Definition

Eine Graft-versus-Host-Erkrankung tritt nach einer allogenen hämatopoetischen Stammzelltransplantation auf, wenn das Immunsystem des Spenders im Körper des Empfängers neu aufgebaut wird. Die treibende Kraft sind reife Spender-T-Lymphozyten, die humane Leukozyten-Antigene (HLA) und sogenannte Minor-Histokompatibilitätsantigene des Wirts als fremd einstufen und daraufhin eine immunvermittelte Gewebeschädigung in Gang setzen.

Klinisch wird die GvHD anhand des Erscheinungsbilds, des zeitlichen Auftretens und der Immunpathologie in eine akute und eine chronische Form unterteilt. Die akute GvHD manifestiert sich typischerweise in den ersten Monaten nach der Transplantation und befällt vor allem die Epitheloberflächen von Haut, Magen-Darm-Trakt und Leber. Die chronische GvHD kann zu einem späteren Zeitpunkt entstehen und ähnelt einer autoimmunen Multisystemerkrankung mit Fibrose, Gewebeverhärtungen (Sklerose) und Funktionsstörungen verschiedenster Organsysteme, einschließlich Mundschleimhaut, Augen, Lunge und neuromuskulären Strukturen.

Warum es wichtig ist

Für Transplantierte ist die GvHD ein zweischneidiges Schwert, das eine sorgfältige Betreuung erfordert. Eine milde Form der GvHD kann von Vorteil sein, da die Spender-Immunzellen auch verbleibende Leukämie- oder Lymphomzellen angreifen und so das Rückfallrisiko senken. Eine schwere oder unkontrollierte GvHD kann jedoch zu Organversagen, Folgeinfektionen und langanhaltenden Beeinträchtigungen führen. Wachsamkeit gegenüber beginnenden Symptomen – wie unerklärlichen Hautrötungen, Bauchkrämpfen, Gelbsucht oder trockenen Schleimhäuten – ermöglicht es dem Behandlungsteam, rasch immunsuppressive Therapien einzuleiten, um Gewebeschäden abzuwenden und den heilenden Nutzen des Stammzelltransplantats zu erhalten.

Verwandte Biomarker und Tests

Die Diagnose wird in erster Linie klinisch gestellt und durch gezielte Untersuchungen gestützt. Vor der Transplantation wird die HLA-Kompatibilität zwischen Spender und Empfänger mittels hochauflösender genetischer Typisierung bestimmt. Nach der Transplantation können Gewebebiopsien – wie Stanzbiopsien der Haut, endoskopische Proben aus Magen oder Darm oder eine Leberbiopsie – die GvHD feingeweblich sichern. Blutuntersuchungen, insbesondere Leberwerte (wie Bilirubin und alkalische Phosphatase) sowie ein großes Blutbild, dienen der Überwachung der Organfunktionen, Entzündungsprozesse und der Erholung des Körpers.

Verwandte Krebsarten

Eine GvHD tritt fast ausschließlich bei Patientinnen und Patienten auf, die sich einer allogenen Stammzell- oder Knochenmarktransplantation unterziehen. Diese intensive Therapieform wird vor allem bei bösartigen Bluterkrankungen eingesetzt, darunter akute myeloische Leukämie (AML), akute lymphatische Leukämie (ALL), chronische myeloische Leukämie (CML), myelodysplastische Syndrome (MDS) und schwere Formen der Myelofibrose. Zudem wird sie bei Betroffenen mit therapieresistentem Non-Hodgkin-Lymphom, Hodgkin-Lymphom sowie bei bestimmten schweren, nicht-malignen Knochenmarkversagen-Syndromen durchgeführt.

Verwandte Behandlungen

Zur Vorbeugung und Behandlung der GvHD wird eine gezielte Immunsuppression eingesetzt. Vorbeugende Schemata kombinieren häufig Calcineurininhibitoren (wie Tacrolimus oder Ciclosporin) mit Methotrexat oder Mycophenolat-Mofetil. Tritt eine akute oder chronische GvHD auf, bilden hochdosierte Kortikosteroide die Standard-Erstlinientherapie. Bei unzureichendem Ansprechen auf Steroide (steroidrefraktäre Verläufe) stehen zielgerichtete Therapien wie Januskinase-(JAK-)Inhibitoren (z. B. Ruxolitinib), BTK-Inhibitoren (z. B. Ibrutinib) oder die extrakorporale Photopherese zur Verfügung, um die Aktivität der Spender-T-Zellen zu dämpfen und gleichzeitig Infektionsrisiken zu kontrollieren.

Häufige Fragen

Ist die Graft-versus-Host-Erkrankung ansteckend oder vererbbar?

Nein, die GvHD ist weder ansteckend noch erblich bedingt. Es handelt sich um eine sehr spezielle immunologische Reaktion, die ausschließlich bei Menschen auftritt, die eine allogene Stammzell- oder Knochenmarktransplantation von einem menschlichen Spender erhalten haben. Sie kann nicht durch Kontakt, Tröpfchen oder Gene auf Angehörige, Partner oder Pflegepersonen übertragen werden.

Wie unterscheidet sich die akute von der chronischen GvHD?

Eine akute GvHD tritt meist in den ersten Monaten nach der Transplantation auf und zeigt sich vor allem als entzündliche Reaktion von Haut (Ausschlag), Darm (Durchfall, Übelkeit) und Leber (Gelbsucht). Die chronische GvHD entwickelt sich häufig später und ähnelt einer Autoimmunerkrankung; sie kann zu Vernarbungen des Bindegewebes, trockenen Augen, Wunden im Mund, Gelenksteifigkeit sowie chronischen Veränderungen an Lunge oder Haut führen, die eine langfristige Begleitbehandlung erfordern.

Kann eine Graft-versus-Host-Erkrankung vollständig ausheilen?

Viele Fälle einer akuten oder chronischen GvHD bilden sich unter immunsuppressiver Therapie vollständig zurück. Die Medikamente können dann schrittweise reduziert und abgesetzt werden, sobald das neue Immunsystem eine Toleranz gegenüber dem Empfängerkörper entwickelt hat. Bei einigen Betroffenen bleiben die Symptome jedoch längerfristig bestehen und erfordern eine dauerhafte Behandlung, supportive Maßnahmen und engmaschige Kontrollen durch das Transplantationsteam.

Quellen

  1. 1.Graft-Versus-Host DiseaseNational Cancer Institute
  2. 2.Side Effects of Bone Marrow and Stem Cell TransplantsAmerican Society of Clinical Oncology (Cancer.Net)
  3. 3.Management of Allogeneic Stem Cell Transplantation ComplicationsEuropean Society for Medical Oncology
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