Medizinisches Glossar

Neutropenie — Niedrige Werte weißer Blutkörperchen in der Onkologie

Als Neutropenie bezeichnet man einen Zustand, der durch eine ungewöhnlich niedrige Konzentration neutrophiler Granulozyten gekennzeichnet ist – eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen, die für die Abwehr bakterieller Infektionen und Pilzinfektionen unverzichtbar ist. In der Onkologie ist sie eine häufige Nebenwirkung zytotoxischer Chemotherapien, die rasches Erkennen und schützende Maßnahmen erfordert.

3 Min. LesezeitZuletzt geprüft 1. August 2026Medizinisch geprüft von: GetOnco Medical Review Team

Einfach erklärt

Neutrophile sind die wichtigsten Ersthelfer Ihres Körpers im Kampf gegen Krankheitserreger. Wenn ihre Zahl stark sinkt, fällt es dem Immunsystem wesentlich schwerer, Infektionen abzuwehren. Da Chemotherapien schnell wachsende Zellen angreifen, bremsen sie vorübergehend auch die Zellbildung im Knochenmark aus, wo diese Schutzfunktionen entstehen. Eine Person mit Neutropenie kann sich vollkommen gesund fühlen, doch eine alltägliche Infektion kann sich rasch entwickeln und zu einer ernsten gesundheitlichen Gefahr werden. Daher sind sorgfältige Kontrollen und konsequente Hygiene entscheidend.

Das Wichtigste

  • Neutropenie bedeutet, dass abnorm niedrige Werte neutrophiler Granulozyten vorliegen – einer Schlüsselkomponente der Infektionsabwehr.
  • Eine absolute Neutrophilenzahl unter 500 Zellen pro Mikroliter gilt als schwere Neutropenie.
  • Fieber während einer Neutropenie ist ein medizinischer Notfall, der sofort ärztlich versorgt werden muss.
  • Wachstumsfaktorspritzen (G-CSF) können das Knochenmark dabei unterstützen, die Neutrophilenwerte schneller wieder aufzubauen.

Definition

Eine Neutropenie ist formal definiert als ein Abfall der absoluten Neutrophilenzahl (ANC) unter etablierte Laborreferenzwerte, bei Erwachsenen typischerweise unter 1.500 Zellen pro Mikroliter Blut. Der Schweregrad wird klinisch eingeteilt: mild (ANC 1.000–1.500 Zellen/µL), mäßig (ANC 500–1.000 Zellen/µL) und schwer (ANC unter 500 Zellen/µL), wobei eine schwere Neutropenie das höchste Risiko für akute systemische Infektionen birgt.

In der Onkologie resultiert eine Neutropenie meist aus einer chemotherapiebedingten Knochenmarksuppression. Zytostatika zielen auf sich rasch teilende Zellen ab und schädigen dabei unbeabsichtigt auch die hämatopoetischen Vorläuferzellen im Knochenmark. Wenn die Neubildung vorübergehend stockt, sinkt die Zahl der zirkulierenden Neutrophilen aufgrund ihrer kurzen natürlichen Lebensdauer von nur wenigen Stunden bis Tagen rasch ab. Dadurch entsteht ein verletzliches Zeitfenster, das als Nadir bezeichnet wird.

Warum es wichtig ist

Die Neutropenie gehört zu den kritischsten Sicherheitsfaktoren während einer laufenden Krebstherapie. Kommt es bei stark erniedrigten Neutrophilenwerten zu einer Infektion – ein Zustand, der als febrile Neutropenie bezeichnet wird –, liegt ein onkologischer Notfall vor, der eine unverzügliche Abklärung im Krankenhaus und intravenöse Antibiotika erfordert. Zudem kann eine anhaltende Neutropenie zu Therapieverzögerungen oder Dosisreduktionen führen, was die planmäßige Bekämpfung des Tumors beeinträchtigen kann, wenn keine supportiven Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

Verwandte Biomarker und Tests

Eine Neutropenie wird durch ein routinemäßiges großes Blutbild (Differenzialblutbild) festgestellt. Diese Untersuchung ermittelt die Gesamtzahl der Leukozyten und berechnet die absolute Neutrophilenzahl (ANC). Während laufender Chemotherapiezyklen werden die Blutwerte regelmäßig kontrolliert – insbesondere um den erwarteten Nadir (meist sieben bis vierzehn Tage nach der Infusion) –, um die Erholung der Abwehrkräfte vor dem nächsten Zyklus zu überprüfen.

Verwandte Krebsarten

Eine Neutropenie kann bei nahezu jeder Krebsart auftreten, die mit einer systemischen zytotoxischen Chemotherapie behandelt wird. Besonders häufig ist sie bei hämatologischen Neoplasien wie der akuten myeloischen Leukämie, der akuten lymphatischen Leukämie und hochmalignen Lymphomen, bei denen das Knochenmark unmittelbar betroffen ist. Sie tritt ebenso regelmäßig während intensiver Therapieprotokolle bei Brust-, Eierstock-, Lungen- und gastrointestinalen Tumoren auf.

Verwandte Behandlungen

Wird eine Neutropenie erwartet oder tritt sie auf, können Onkologinnen und Onkologen Granulozyten-koloniestimulierende Faktoren (G-CSF) wie Filgrastim oder Pegfilgrastim verabreichen, um die Produktion weißer Blutkörperchen im Knochenmark anzuregen. Entwickelt eine Patientin oder ein Patient während einer Neutropenie Fieber, wird umgehend eine breit wirksame intravenöse Antibiotikatherapie eingeleitet. Abhängig von Dauer und Tiefe des Neutrophilenabfalls können nachfolgende Chemotherapiedosen angepasst oder zeitlich verschoben werden.

Häufige Fragen

Was ist eine febrile Neutropenie und warum handelt es sich um einen Notfall?

Eine febrile Neutropenie liegt vor, wenn Fieber in Kombination mit sehr niedrigen Neutrophilenzahlen auftritt. Da dem Immunsystem nicht genügend Zellen zur Bakterienabwehr zur Verfügung stehen, kann sich eine Infektion rasch über die Blutbahn ausbreiten und zu einer Sepsis führen. Eine unverzügliche ärztliche Abklärung und die Gabe intravenöser Antibiotika sind lebenswichtig.

Welche Vorsichtsmaßnahmen sollte ich treffen, wenn meine Neutrophilenwerte niedrig sind?

Achten Sie auf gründliche Händehygiene, meiden Sie Menschenansammlungen, halten Sie Abstand zu erkrankten Personen und waschen Sie Lebensmittel sorgfältig. Messen Sie sofort Fieber, wenn Sie sich warm, fiebrig oder unwohl fühlen, und halten Sie die Notfallkontaktdaten Ihres Behandlungsteams griffbereit.

Wie lange hält eine Neutropenie nach einer Chemotherapie typischerweise an?

Die Neutrophilenzahlen erreichen ihren tiefsten Punkt (den Nadir) meist etwa sieben bis vierzehn Tage nach einer Chemotherapie-Infusion. In den meisten Fällen beginnen die Werte innerhalb weniger Tage von selbst wieder anzusteigen; Medikamente wie Wachstumsfaktoren können diese Erholungsphase deutlich beschleunigen.

Quellen

  1. 1.Neutropenia (Low White Blood Cell Count)American Society of Clinical Oncology
  2. 2.Management of Febrile Neutropaenia: ESMO Clinical Practice GuidelinesEuropean Society for Medical Oncology
  3. 3.NCI Dictionary of Cancer Terms: NeutropeniaNational Cancer Institute
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